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Kommt der Kannibalismus aus Südamerika?

Autor: Nina

Viele kennen die blutrünstigen Geschichten: Ureinwohner, die durch die Urwälder pirschen und Jagd auf Frischfleisch machen, Bilder von weißen, verzweifelten Männern in großen Kochtöpfen, ein Häuptling, der einen Menschenarm auf dem Teller liegen hat. Doch was ist dran an den Geschichten? Kommt der Kannibalismus wirklich aus Südamerika, und wie verbreitet war er dort?

Kannibalismus @Flickr/angrylambie1

Heute kennen wir Kannibalen-Geschichten eher über den Erdball verstreut, als einzelne Skandale, die immer wieder aufflammen. Doch in den Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas waren die Europäer überzeugt: In der Neuen Welt hausen überall Menschenfresser.

Kannibalismus in Südamerika: Zumindest das Wort ist südamerikanisch

Tatsächlich kommt das Wort „Kannibale” von „Kariben” – also von den Ureinwohnern der Karibik! Denn diese haben wohl an Kolumbus vermittelt, dass sie Angst vor den „Caniba” hatten – den menschenfressenden Bewohnern der Nachbarinsel. Das Wort hatte eine ganz andere Bedeutung in der Sprache der Ureinwohner, aber in Europa wurde es schnell nach der Entdeckung der Neuen Welt zum Kannibalismus, zum Menschenfressen.

Die Entdecker und Eroberer Südamerikas glaubten oft, alte Sagen und Mythen auf dem Kontinent wahr gemacht zu finden (deshalb heißt der Amazonas auch Amazonas, nach den Amazonen der griechischen Sage). Und damals glaubte man wegen antiker Quellen, am Rande der Welt leben Menschenfresser – also war es nur allzu naheliegend, zu glauben, dass alle Einwohner Südamerikas Kannibalen waren.

Menschenfresser in Südamerika – Mythos oder Wirklichkeit?

Tatsächlich war es in einigen Stämmen in Südamerika wahrscheinlich verbreitet, ab und an Menschenfleisch zu essen. Einige Quellen behaupten, dass vornehmlich die in Kriegen gefangen genommenen Feinde verspeist wurden, um sich deren Stärken anzueignen. Ob das Menschenfressen allerdings so häufig war, wie man damals in Europa dachte, ist keinesfalls bewiesen.

Da die meisten Indios keine Schriftsprache besaßen, sind wir auf die Aufzeichnungen der europäischen Eroberer angewiesen. Diese schrieben allerdings allzu gerne, was sie zu sehen glaubten, und nicht, was sie wirklich sahen. Außerdem kann man davon ausgehen, dass das Gerücht, die Indios seien Menschenfresser, als Ausrede für die Conquista diente – so meckerte in Europa niemand, wenn die „Menschenfresser” ermordet wurden und ihnen ihr Land genommen wurde.

Kannibalismus in der Neuzeit

Menschen verspeisen ist allerdings keinesfalls eine südamerikanische Angelegenheit: Es gibt unzählige Geschichten von Völkern aus der ganzen Welt (auch aus Europa!), bei denen das Essen von Menschenfleisch kein Tabu war, sondern ein Ritual oder in „Notzeiten” erlaubt. Auch heute soll es noch Stämme geben, die Menschen verzehren: Zum Beispiel einen Stamm im Amazonas, in dem die Asche der Verstorbenen in den Maniokbrei gemischt und verzehrt wird.

Um 1930 machte Oswald de Andrade nochmals auf die menschenfressende Geschichte Brasiliens aufmerksam: In seinem manifiesto de antropofagia (anthropophagisches Manifest) rief er die Brasilianer dazu auf, die Europäer und ihre Kultur zu essen – allerdings nicht wirklich, sondern bloß ideologisch, um sich endlich von deren Herrschaft und Vorbildfunktion in Südamerika zu befreien und ein unabhängiges Selbstverständnis zu entwickeln.



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